LYRIK

Lyrik für jeden Tag

Satirisch-Politische Lyrik gibt es hier: Ilse-Dörte und hier: Frisch aus der Protestpresse
Copyright für alle Gedichte: Monica Calla

Weltuntergang – morgen

Wenn morgen die Welt unterginge…
…
schrieb ich an jede Wand: Ich liebe dich
knotete ich mir eine Schlinge
rettete ich den letzten Kröterich

….tränke ich – was ich sonst nie täte – keinen Kaffee
gäb’ ich den Kleidermotten Futter
kippte ich haufenweise Leichtsinn in den Tee
und verziehe – wahr und wahrhaftig – meiner Mutter

…strandete ich mit einem Kanu in Arkadien
Sicherlich hätte das Kanu ein verdecktes Leck
So trudelte ich in fantastomatisch großen Radien
in mein eingeheimstes Reimversteck

Dort bemalte ich ferne Korallenriffe
mit Worten, die es gar nicht gibt
wie: sublimationsverpuffungskniffe-
rundsaugvernickungsleichtverliebt

Das tät’ ich heute, ginge sie schon morgen
Was aber, wenn sie erst übermorgen untergeht?
Es heißt doch, was du heute kannst besorgen…
Oder ist heute, von morgen aus betrachtet, obsolet?

Nix mit Hack

Dick, Prick und Knack
essen gerne Hack
Hacken gerne Schwein
pickepacke klein

Zickezacke Beil
Geiz ist geil
Heute ist der Tod
im Sonderangebot

Grill eingeheizt
Geil wird gegeizt
Groß ist die Gier
nach billigem Tier

Lende, Nacken, Leber
auf dem schicken Weber
Doch der Grill speit Feuer
Fleisch ist plötzlich teuer

Für den fetten Fraß
fehlt die Pulle Gas
Nix mehr mit: Weizen
zu Futter verheizen

Lumpigen Lohn
frisst die Inflation
Aus ist’s mit Hack
für Dick, Prick und Knack

Der Schlachthof macht zu
Und raus ist die Kuh
Juhuuu!!!

Die Götter

Wir kamen nicht, um euch zu retten
Ihr hattet uns danach gefragt
Wir wussten nicht, was wir zu geben hätten
Das haben wir auch so gesagt

Wir versuchten zu erklären
Dass wir nicht Schiff noch Anker sind
Doch euer Verlangen begann zu gären
Und machte euch für Wahrheit blind

Ihr knüpftet Fahnen hoch an Stangen
Man sollte sie von weitem seh’n
So mussten selbst die Zweifler und die Bangen
Ihre Köpfe danach dreh’n

Ihr schöpftet schöne starke Worte
Ihr habt uns damit bedacht
Ihr schuft Erklärungen und neue Orte
Mit uns im Rücken zogt ihr in die Schlacht

Ihr habt Mitglieder gestempelt
Gelistet und kategorisiert
Uns habt ihr statuiert und eingetempelt
Angemalt und schön verziert

Ihr habt die eurigen geknechtet
Und liebevoll zum Heil geführt
Wer nicht zu euch gehörte, war geächtet
Die eifrigsten habt ihr gekürt

So brachen neue Zeiten an
Anfang und Ende waren gleich
Mit dem ersten Lebensschrei gehörte man
Bis zum Tod zu eurem Reich

Ihr zogt aus, um zu belehren
Ihr hattet Mittel für den Zweck
Den Kopf verwaschen und das Herz verkehren
Wer nicht sauber wurde, musste weg

Da fingen manche an zu murren
Ein Wispern wie ein Rinnsal nur
Der Versuch, sie einzuschnür’n und festzuzurren
Gelang, doch es blieb eine Spur

Sie zogen heimlich in die Tempel
Rissen uns von den Altären
Vom Exempel statuierten wir zum Krempel
Und begannen zu verjähren

Doch etwas ist zurückgeblieben
Wie ein vernarbtes Längenmaß
Etwas hat sich in die Köpfe eingeschrieben
Bleibt eingeritzt wie hinter Glas

Wir sind eurer Sehnsucht Hafen
Wenn der Nebel dichter wird
Auch glaubt ihr, mit unsrer Hand zu strafen
Es ist die eure, denn ihr irrt

Wir kamen nicht, um euch zu retten
Genauso haben wir es euch gesagt
Dann legtet ihr uns fest in eure Ketten
Und habt euch so mit uns geplagt

Wir wussten, ihr seid nicht zu retten
Doch euer Sehnen, euer Streben
War, was zu sehen wir gern genossen hätten
Hättet ihr nur nicht geglaubt, wir leben

Jetzt seid ihr verwirrt und euer Denken
Kreist um euren Sinn und euer Leid
Darum möchten wir euch die Erkenntnis schenken:
Es genügt doch, dass ihr seid

Der  Laubsauger – ein Herbstgedicht

Er saugt aus unverstaubten Gründen
mit Schlundgetöse auch dein Laub
Faule Verstöße, die in Entsaugung münden
gegen das Laubrecht, also Raub!

Er saugt mit klaustrophiler Vehemenz
Blatt an Blatt, samt aufgehaustem Schneck
und räumt zum Zweck betäubend säubernder Demenz
peinlich reinigend das Leben weg.

Und saugt er nicht, so bläst er vibratorisch,
ein gierig-einäugiger Spion,
beseitigt unsauber Verlaubtes kategorisch
mit verneinend beleidigendem Ton.

Er glaubt an seine fegefeuernde Mission
an den entlaubt entstaubten, reinen Rasen.
Er glaubt, er sei der sauberkeitsverbreitende Zyklon
und ist doch nur ein armer Tor, ein hohles Rohr ohne Funktion
außer zum Saugen und zum Blasen!


Nachts

Nachts, so heißt es, sind alle Katzen grau
Nachts, ich weiß, sind alle Seelen nackt
Nachts ist nicht einmal der Himmel blau
Nachts sieht das Land aus wie verpackt

Ein kleiner Falter findet einen Globus voll von Licht
Für ihn ist alle Welt Laterne
Wir fühlen diese Ganzheit nicht
Die Welten unsrer Sehnsucht sind die Sterne

Ein Traum entblättert sich im Wind
Begreift uns nicht und lässt uns dennoch hoffen
Nachts sind wir wieder wie ein Kind
Für Geist und Schattenspiele offen

Der Sommer kommt in kurzen Atemzügen
Der Winter trägt ein langes Kleid
Nachts ist es schwer, die Fremde zu belügen
Nachts scheint die Heimat fern der Zeit

Nachts wacht die Wissende am Buch
Der Takt der Nacht hat keinen Laut
Nachts schläft die Wahrheit unter einem schwarzen Tuch
Nachts sind manche Herzen gut verstaut…


Aus dem Theaterprojekt „Die Dreiviertelschwester
:

Schwester
Stolze Schwester
trockenes Geäst
bricht das Wort noch vor dem ersten Laut

Starke Schwester
klares Manifest
Adern wie Zement unter der Haut

Sag mir Schwester
kennst du den Moment
schweigt an seinen Rändern noch der Zorn

Mein Schmerz Schwester
der dich von mir trennt
dringt in deine Sehnsucht wie ein Sporn

Fremde Schwester
Stern in seinem Lauf
stets kreisend um das eigne Bangen

Mit dir Schwester
käme Heimat auf
Sommerrot flösse auf die Wangen

Komm nur Schwester
Wasser das sich eint
Den Fluss kann nicht ein Fels zerstören

Meine Schwester
Halbes ganz beweint
nichts bliebe, wenn wir das verlören

A tribute to Charlotte Brontë:

Charlotte I
How can a soul’s home break so quickly

turning into restless, pure desire
envying the bees amongst the fields
for getting close to whom they do admire

How can a heart experienced a sober, proper place
be inflamed, burning eyelids, lips and cheeks
and send out sparks into the air, which seagulls
try to capture with their beaks

How can a word once spoken softly
become an overwhelming wave
my neck is wet and so my palms are
when entering the blackness of your cave

I’ve never done this or will I ever do
unless you tie me with your inky belt
the altar that you raised before my eyes
is where I sank and fell and knelt

If you know why my troubled tongue is burning
refresh me as you leave me with a wounded heart
I am no slave, victorious and yearning
to free myself because I’ve ever been right from my very start

Charlotte II
My life will last so long as the sun sets

Or as the night will stay
A bird may fly for a fortnight
Whereas my visions stray
Wider than the ocean
Or than the Haworth Moor
They may not be my saviour
But they can be my cure
They’ve carried me since childhood
I owe them all my grace
Their whispers are no riddles
Recall them just in case
The quest will come upon me
The time has come for fame
Lay the cards straight on the table
They’ll call me by my name
The bell will ring, the eagle soar
I’ll reach out my hand
To live life to the fullest
That’s all that I demand

Am Strand 2015
Weißt du noch
am Strand
die Tür offen
kein Wind aus den Buchten
jemand weinte
Salz
schmolz in die Furche
zwischen Welle und Sand
halb verborgen
ein Schuh
das Kind so still
am Fuße der Düne
kein Sturm aus den Städten
verzogen
verschlossen
die Türen
kein Puls
nur Augen
furchtsam, fragend, flüchtig
vom Nichts
an den Strand
wir wussten es doch

2016
Als niemand sagte: „Geh deinen Weg“

da gingst du
entlang blauverschmierter Pfeile
Richtung Westen
unter zerklüfteten Bahnhofsdächern
am Saum gehalten
von zuversichtlichen Säulen, die
deiner Unkenntnis nicht
ein Staunen abzuringen vermochten
hinein in fremdes Gras
setztest du deinen Abdruck
in einen schon vor dir gesetzten
vertrockneten, Gras
über die Sache gewucherten
bis deine letzte Notiz
verjährt war, nur
der Schnee in deinem Gesicht
bezeugte, dass du noch
gelebt hast als die
Stacheln am Draht
Zeugnis gaben von der wider
aller Daseinspflicht ausgebliebenen
Scham der Gewalttätigen

Monica Calla©

Kirschen
Wie die Kirschen beim Entsteinen knirschen
So knirscht meine Liebe, wenn du sie entkernst
Und um meiner weichen Schale willen
Meinen rauen Kern entfernst

Sommertraum
Ich liege hier allein und ungefähr
Und träume schwer von deiner Wiederkehr
Ich wünschte,  du brächst über mich herein
Wie die Sonne…nachmittags…durch dunkle Wolkenmauern
Und flögst mit mir weit übers Meer
Und so ein Flug…der dürfte dauern
Dann lägen wir am Strand und hielten uns
Nicht nur die Hände
Die Sterne über uns wie angeknipster Sand
Und unter uns ein Meer wie tausend Strände…