Lyrik

Der  Laubsauger – ein Herbstgedicht

Er saugt aus unverstaubten Gründen
mit Schlundgetöse auch dein Laub
Faule Verstöße, die in Entsaugung münden
gegen das Laubrecht, also Raub!

Er saugt mit klaustrophiler Vehemenz
Blatt an Blatt, samt aufgehaustem Schneck
und räumt zum Zweck betäubend säubernder Demenz
peinlich reinigend das Leben weg.

Und saugt er nicht, so bläst er vibratorisch,
ein gierig-einäugiger Spion,
beseitigt unsauber Verlaubtes kategorisch
mit verneinend beleidigendem Ton.

Er glaubt an seine fegefeuernde Mission
an den entlaubt entstaubten, reinen Rasen.
Er glaubt, er sei der sauberkeitsverbreitende Zyklon
und ist doch nur ein armer Tor, ein hohles Rohr ohne Funktion
außer zum Saugen und zum Blasen!

© Monica Calla

Blühende Veilchen
Mein Auge bläut ein Veilchen.
Es kam aus deiner Hand
und bringt mir die Erinnerung
an ein einstmals blühendes Land.
Du und ich, das war ein Garten
so herzhaft zum Genießen,
wo Regen von den Wolken hing,
um Veilchen zu begießen.
Die Veilchen sind vertrocknet,
der Regen ist vergangen.
Ein letztes Veilchen nur, verblüht und welk,
das hangt und prangt
in violettblau, rot und gelb
und grün auf meinen Wangen.
So bist du fortgegangen.

© Monica Calla

Glühende Feilchen
Glüh’n dort drüben Alpenveilchen?
Hast du den Topf da hingestellt?
Kennen wir uns lange Weile?
Weißt du, dass mir das nicht gefällt!
Rumms, jetzt hab ich mich verhaspelt,
kann doch jedem mal passieren,
als ich anfing, mit dem Feilchen
deine Veilchen zu rasieren.
Ist nicht leicht, aus dem Effeff
aus ’nem V ein F zu schnitzen,
Muss doch mit der scharfen Feile
jeder Schnitzer richtig sitzen.
Und so raspel ich die Zähne
in das Blütenwerk hinein
und zerspane fräsenbräsig
Blatt um Blättchen klitzeklein.
Und der Dorn hackt in den Stengel,
so, jetzt spritzt der Blütensaft.
Noch ein Hieb in das Gemenge.
Ja, das Gröbste ist geschafft.
Meine Waffe ist das Feilchen
in dieser Zerspanungsschlacht.
Brauche weder Beil noch Hammer,
ratsch…jetzt bin ich aufgewacht.

Zack, die Augen sind gerieben,
dass der Schlaf von ihnen weicht.
Das Papier ist unterschrieben,
Scheidung schneidig eingereicht.
Ich leg’s dir untern Blumentopf
deiner süßen Alpenveilchen.
Schruppe dir noch einen Gruß
und ein letztes Abschiedszeilchen.*
Dieser halbschattige Wahnsinn
trieb zwischen uns das Spalterkeilchen
und so schleif ich mich davon
mit meinem Vogelzungenfeilchen.

*Entschuldige die Sauerei
ich war so frei
verzeih

© Monica Calla

Nachts
Nachts, so heißt es, sind alle Katzen grau
Nachts, ich weiß, sind alle Seelen nackt
Nachts ist nicht einmal der Himmel blau
Nachts sieht das Land aus wie verpackt

Ein kleiner Falter findet einen Globus voll von Licht
Für ihn ist alle Welt Laterne
Wir fühlen diese Ganzheit nicht
Die Welten unsrer Sehnsucht sind die Sterne

Ein Traum entblättert sich im Wind
Begreift uns nicht und lässt uns dennoch hoffen
Nachts sind wir wieder wie ein Kind
Für Geist und Schattenspiele offen

Der Sommer kommt in kurzen Atemzügen
Der Winter trägt ein langes Kleid
Nachts ist es schwer, die Fremde zu belügen
Nachts scheint die Heimat fern der Zeit

Nachts wacht die Wissende am Buch
Der Takt der Nacht hat keinen Laut
Nachts schläft die Wahrheit unter einem schwarzen Tuch
Nachts sind manche Herzen gut verstaut…

© Monica Calla

Am See 2018
Sonnengetränkte Wiesen,
löwenzahnbetupft.
Frühlingsnasen niesen
in den Staub…verschnupft.
In den Apfelbäumen
schäumt ein Blütenmeer.
Dösend, vom Spaziergang träumend,
hechelt das Hundeheer.
Wasser, an die Ufer gleitend,
Schilfgräser, pinselgleich,
malen Buchten in die Seiten
des Buches vom kleinen Teich.
Blindlings schwimmen Schlangen
kopfüber aus dem See.
Stolpernde Kinder, Bälle fangend
stürzen sich in den Klee.
Grüne Biergartentische locken
mit rosa Rhabarbertorten.
Entledigt meiner Socken
öffnen sich alle Pforten…

© Monica Calla

AUFSTEHEN!
Erinnerst du dich?
Aufstehen! sagten wir noch
vor dem Niederlegen.
Aufstehen! geht nicht
ohne sich zu bewegen.
Und doch…zum Aufstehen!
brauchst du die Beine nicht.
Aufstehen! kann ein Wort sein,
das jemand spricht.
Ein Wort, dass gegen Mauern
aus Hass erklingt.
Ein Wort, das andre
zum Zuhören zwingt.
Die Stimme wird frei,
wenn man Aufstehen! singt.
Aufstehen! im Chor
kann stärker sein
als alle Parolen,
die andre nur niederschrein.
Aufstehen! geht ohne
Waffe in der Hand.
Zum Aufstehen! brauchst du
nur Herz und Verstand.
Du weißt wie die Uhr tickt
ohne hinzusehn
und wann es Zeit ist
aufzustehen.
Aufstehen! wenn Liebe und Freiheit
am Boden liegen.
Aufstehen! gegen das
Sichinsicherheitwiegen.
Aufstehen! heißt
Aufhören! zuzulassen,
damit anzufangen,
sich selbst zu hassen.
Aufstehen!
Gar nicht erst niederlegen.
Aufstehen! wird immer
etwas bewegen.
Aufstehen!

© Monica Calla

Aus dem Theaterprojekt „Die Dreiviertelschwester
:

Schwester
Stolze Schwester
trockenes Geäst
bricht das Wort noch vor dem ersten Laut

Starke Schwester
klares Manifest
Adern wie Zement unter der Haut

Sag mir Schwester
kennst du den Moment
schweigt an seinen Rändern noch der Zorn

Mein Schmerz Schwester
der dich von mir trennt
dringt in deine Sehnsucht wie ein Sporn

Fremde Schwester
Stern in seinem Lauf
stets kreisend um das eigne Bangen

Mit dir Schwester
käme Heimat auf
Sommerrot flösse auf die Wangen

Komm nur Schwester
Wasser das sich eint
Den Fluss kann nicht ein Fels zerstören

Meine Schwester
Halbes ganz beweint
nichts bliebe, wenn wir das verlören

Monica Calla©

Aus dem Programm „Ode an den Lech“:

Ich, der Fluss
Ich ächze schwer am Wehr vorbei
Rausch nieder, angetrieben, frei
Und stehe still gestaut im See
Vom Bremsen tun die Beine weh

Von der Quelle fall ich breit
Hinein ins Tal und schalle weit
Ich gischte und ich brause
Wenn ich hinunter sause

Ich schimm’re grün wie Flaschenglas
Den Huchen treibt’s hinauf im Spaß
Taucht bäuchlings bis zum Grund
Und lacht aus vollem Mund

Schwäne blitzen auf wie Tränen
Auf meinen Narben aus Moränen
Die meine Ufer säumen
Und mir das Flussbett räumen

Von allem, was mich halten will
Ich fließ mich frei, fließ ich auch still
Dort wo man mich nicht lässt
Mich in die Schleuse presst

Doch wenn ich kann, tob ich mich aus
Weit übers Uferbett hinaus
Ich treffe Freunde von weit her
Gemeinsam sinken wir ins Meer

Ich fürchte und ich friere nicht
Mein Feuer durch die Wellen spricht
In jadegrünen Flammen
Mit gletscherweißen Schrammen

Bist du der Flößer, suche mich
Dein unerforschter Weg bin ich
Dein Erinnern, dein Vergessen
Niemand…wird je mich messen

Monica Calla©

A tribute to Charlotte Brontë:

Charlotte I
How can a soul’s home break so quickly
turning into restless, pure desire
envying the bees amongst the fields
for getting close to whom they do admire

How can a heart experienced a sober, proper place
be inflamed, burning eyelids, lips and cheeks
and send out sparks into the air, which seagulls
try to capture with their beaks

How can a word once spoken softly
become an overwhelming wave
my neck is wet and so my palms are
when entering the blackness of your cave

I’ve never done this or will I ever do
unless you tie me with your inky belt
the altar that you raised before my eyes
is where I sank and fell and knelt

If you know why my troubled tongue is burning
refresh me as you leave me with a wounded heart
I am no slave, victorious and yearning
to free myself because I’ve ever been right from my very start

Monica Calla©

Charlotte II
My life will last so long as the sun sets
Or as the night will stay
A bird may fly for a fortnight
Whereas my visions stray
Wider than the ocean
Or than the Haworth Moor
They may not be my saviour
But they can be my cure
They’ve carried me since childhood
I owe them all my grace
Their whispers are no riddles
Recall them just in case
The quest will come upon me
The time has come for fame
Lay the cards straight on the table
They’ll call me by my name
The bell will ring, the eagle soar
I’ll reach out my hand
To live life to the fullest
That’s all that I demand

Monica Calla©

Zur Flüchtlingskrise…:

Am Strand 2015
Weißt du noch
am Strand
die Tür offen
kein Wind aus den Buchten
jemand weinte
Salz
schmolz in die Furche
zwischen Welle und Sand
halb verborgen
ein Schuh
das Kind so still
am Fuße der Düne
kein Sturm aus den Städten
verzogen
verschlossen
die Türen
kein Puls
nur Augen
furchtsam, fragend, flüchtig
vom Nichts
an den Strand
wir wussten es doch

Monica Calla©

2016
Als niemand sagte: „Geh deinen Weg“

da gingst du
entlang blauverschmierter Pfeile
Richtung Westen
unter zerklüfteten Bahnhofsdächern
am Saum gehalten
von zuversichtlichen Säulen, die
deiner Unkenntnis nicht
ein Staunen abzuringen vermochten
hinein in fremdes Gras
setztest du deinen Abdruck
in einen schon vor dir gesetzten
vertrockneten, Gras
über die Sache gewucherten
bis deine letzte Notiz
verjährt war, nur
der Schnee in deinem Gesicht
bezeugte, dass du noch
gelebt hast als die
Stacheln am Draht
Zeugnis gaben von der wider
aller Daseinspflicht ausgebliebenen
Scham der Gewalttätigen

Monica Calla©

Impressionen aus Franken…

Bamberg
Ich Red nitz
Ich Main bloß

Monica Calla©

Im Spätsommer
Filzgelbe Felder
ausgerollt auf gestanztem Boden
gebleicht, beglichen, gekantet
verhältnisgemäßigt ausgewogen
aufgebogen

Kommt ein Spatz
bestürzend ungezogen
treibt hinein ins filzgelbe Korn
vorn wo Ähren körperschwer
sich biegen
wiegt er sich bis Korn an Korn
im aufgeschnäbelten Halse liegen

Bis er voll genug ihn kriegt und
wieder fliegt

Monica Calla©

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Kirschen
Wie die Kirschen beim Entsteinen knirschen
So knirscht meine Liebe, wenn du sie entkernst
Und um meiner weichen Schale willen
Meinen rauen Kern entfernst

Monica Calla©

Sommertraum
Ich liege hier allein und ungefähr
Und träume schwer von deiner Wiederkehr
Ich wünschte,  du brächst über mich herein
Wie die Sonne…nachmittags…durch dunkle Wolkenmauern
Und flögst mit mir weit übers Meer
Und so ein Flug…der dürfte dauern
Dann lägen wir am Strand und hielten uns
Nicht nur die Hände
Die Sterne über uns wie angeknipster Sand
Und unter uns ein Meer wie tausend Strände…

Monica Calla©

Weihnachten
Winterwild schneit ein Kind
aus allen Himmeln
die sich rühmen und preisen
aufzureißen
in diese Welt
um den andern Kindern
den armen, den reichen, den frohen
den traurigen, den weichen, den rohen
ein Freund zu sein
den Schmerz zu lindern…
dafür kann schon mal ein Stern aufgehen
eine Tanne sich bekerzen
ein Weg sich auftun
zu den Herzen
die mit uns im Gepäck
einsam in der Kälte
stehen

Monica Calla©